Mariias Geschichte: Deutsch lernen und ankommen - Mein persönlicher Weg

Wer bin ich und warum schreibe ich diesen Text?

Mein Name ist Mariia. Ich bin Psychologin aus der Ukraine und lebe seit Herbst 2022 in Deutschland. Vor einiger Zeit habe ich ein freiwilliges Praktikum bei der Abteilung Flucht und Integration bei der Stadt Flensburg gemacht. Während meines Praktikums habe ich mich unter anderem mit der Frage beschäftigt, wie Menschen Deutsch lernen und was ihnen dabei helfen kann.
Dieser Text ist keine Anleitung und auch kein perfekter Lernplan. Ich möchte einfach meine eigene Geschichte teilen: Wie habe ich Deutsch gelernt? Was hat mir geholfen? Was war schwierig? Und wie hat die Sprache meinen Weg der Integration in Deutschland beeinflusst?

Vielleicht erkennt sich jemand in meiner Geschichte wieder. Vielleicht hilft sie jemandem, der gerade am Anfang steht, Angst vor Fehlern hat oder sich fragt, ob es überhaupt möglich ist, mit wenig Deutschkenntnissen in Deutschland zu arbeiten und sich ein neues Leben aufzubauen. Ich möchte zeigen, dass man nicht alles sofort können muss. Mein Deutsch war am Anfang sehr einfach. Ich habe viele Fehler gemacht, oft nichts verstanden und manchmal geweint. Aber Schritt für Schritt wurde es besser. Und genau von diesen kleinen Schritten möchte ich erzählen.

Meine Geschichte beginnt am 29. September 2022. Ich bin am 29. September 2022 wegen des Krieges in der Ukraine nach Deutschland gekommen. Als ich meine Arbeitserlaubnis bekommen habe, wollte ich sofort arbeiten. Ich wollte finanziell unabhängig sein. Оbwohl ich finanziell unabhängig vom Jobcenter war, wurde ich abhängig von meinem Arbeitgeber 😉 Ein bisschen Selbstironie muss sein. In den ersten sechs Monaten dachte ich noch: Ich werde sowieso bald nach Hause zurückkehren. Deshalb war Deutsch für mich nicht so wichtig. Ich konnte Englisch und dachte, dass ich damit schon irgendwie zurechtkomme. Damals lebte ich in Nordrhein-Westfalen und arbeitete über eine Zeitarbeitsfirma in einem Lager (nur kommissionieren). Dort arbeiteten auch viele Menschen aus der Ukraine und Moldawien. Für meine Arbeit brauchte ich deshalb nur sehr wenig Deutsch.

Aber ich habe dort auch neue Freunde gefunden. Sie haben mich später sogar motiviert, nach Flensburg zu ziehen. Heute leben wir alle hier, sind immer noch befreundet und verbringen gemeinsam unsere Freizeit. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Aber das ist schon eine andere Geschichte. :)

Langsam wurde mir klar: Ich möchte hier bleiben. Später fand ich über Bekannte eine etwas bessere Arbeit. Ich arbeitete als Bürohelferin, aber weiterhin in einem Lager. Dort hatte ich nette deutsche Kolleginnen und Kollegen. Die Nachrichten aus der Ukraine blieben leider sehr pessimistisch. Langsam begann ich zu akzeptieren, dass ich vielleicht länger in Deutschland bleiben würde. Deshalb wollte ich Schritt für Schritt versuchen, mir hier ein neues Leben aufzubauen. Ich arbeitete die ganze Zeit mindestens 40 Stunden pro Woche. Einen normalen Deutschkurs konnte ich mir deshalb nicht vorstellen.

Aber ich merkte immer mehr: Ich brauche Deutsch. Selbst ein einfacher Einkauf im Supermarkt war für mich sehr stressig. Ich hatte Angst, etwas nicht zu verstehen oder nicht antworten zu können. Dann fand ich eine Lösung, die sehr gut zu meinem Leben passte: ein Online-Lehrer aus der Ukraine. Einmal pro Woche hatte ich eine Stunde Unterricht. Wir arbeiteten mit einem Buch und lernten die Grundlagen der deutschen Sprache: Grammatik, Fälle, Satzbau, Kasus und neue komplizierte Wörter. Meine Hausaufgaben machte ich meistens am Wochenende. Manchmal saß ich zu Hause in meinem Zimmer. Manchmal machte ich sie während einer Zugfahrt mit der Deutschen Bahn oder draußen in der Natur. Bei der Arbeit versuchte ich gleichzeitig, mit meinen deutschen Kolleginnen und Kollegen Deutsch zu sprechen.
Ich war sehr dankbar, wenn sie mich korrigierten. Ich sagte dann oft: “Danke, dass du mir hilfst, Deutsch zu lernen.” Ich glaube, das war für mich sehr wichtig: Ich musste keine Angst davor haben, Fehler zu machen.

Mein Deutsch wurde besser – durch die Arbeit

Nach einigen Monaten mit meinem Lehrer, vielen Hausaufgaben, Tränen über die deutsche Grammatik und viel Motivation war ich ungefähr auf dem Niveau A2. Dann begann ich, mich auf Bewerbungsgespräche vorzubereiten, weil ich in Flensburg arbeiten wollte. Ich fand eine Stelle bei Comline, einem IT-Distributor. Natürlich begann ich dort im Lager (Wareneingang). Mein Psychologie-Diplom war damals noch nicht anerkannt und mein Deutsch war noch nicht besonders gut. Aber ich wollte arbeiten und natürlich auch Geld für mein Leben und meine nächsten Pläne (Urlaub) verdienen. Beim Bewerbungsgespräch sagte ich immer wieder: “Ich lerne sehr schnell.” Und sie haben mir eine Chance gegeben. Ehrlich gesagt: Die ersten Monate waren sehr schwierig. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine Arbeit, die ich vorher überhaupt nicht kannte. Alle Menschen in meinem Arbeitsbereich sprachen nur Deutsch. In meiner Abteilung waren außerdem nur Männer. In den ersten sechs Monaten habe ich sehr oft geweint und mich manchmal wirklich wie ein Hund gefühlt. Ich dachte: “Ich verstehe, was sie sagen. Aber ich kann nicht antworten.” Aber ich bin geblieben.

Ich hatte einen kleinen Notizblock und einen Stift dabei. Jeden Tag fragte ich meine Kollegen nach Wörtern, die ich nicht kannte. Ich schrieb sie auf, übersetzte sie und lernte sie. So lernte ich nicht nur allgemeines Deutsch, sondern genau die Wörter, die ich bei meiner Arbeit brauchte. Dann begann ich, mehr zuzuhören. Meine Kollegen machten Witze. Am Anfang verstand ich nicht immer, worüber sie lachten. Trotzdem lachte ich manchmal einfach mit. Nicht, weil ich alles verstanden hatte, sondern weil ich dazugehören wollte. 

Mit der Zeit wurde es besser. Ich begann selbst, kleine Witze zu machen. Natürlich machte ich dabei viele Fehler. Manchmal klingt ein deutsches Wort fast genauso wie ein anderes Wort, aber die Bedeutung ist völlig anders. Früher war mir so etwas peinlich. Später konnte ich einfach mit den anderen darüber lachen. Ich verstand: Sie lachen nicht über mich als Person. Wir lachen gemeinsam über eine lustige Situation oder über ein falsch benutztes Wort. Das war für mich ein wichtiger Schritt. Ich musste nicht perfekt Deutsch sprechen, um dazuzugehören.

Lernen kann überall stattfinden

Später fand mein Chef eine Deutschlehrerin für mich. Wir lernten einmal pro Woche (2 Stunde) gemeinsam auf B1-Niveau. Auch dabei blieb es nicht nur beim Unterricht. Nach der Arbeit machte ich manchmal meine Hausaufgaben gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Am Wochenende lernte ich alleine weiter. Außerdem habe ich viele andere Möglichkeiten genutzt, Deutsch zu lernen.

  • Ich hörte deutsche Musik, zum Beispiel AnnenMayKantereit, LEA oder Niemals. Wenn mir ein Lied gefiel, suchte ich unbekannte Wörter heraus und lernte sie.
  • Ich benutzte die App Babbel und habe den gesamten Kurs gemacht.
  • Ich hörte und las Inhalte von Deutsche Welle.
  • Ich suchte deutsche Gedichte und Bücher, die mich interessierten. Am Anfang waren es Kinderbücher. Später wurden die Bücher schwieriger.
  • Dann hatte ich Netflix. Am Anfang verstand ich fast nichts und benutzte ukrainische Untertitel. Einige Monate später merkte ich plötzlich: Ich schaue „Türkisch für Anfänger“ auf Deutsch ohne Untertitel und verstehe fast alles. Nachsprechen konnte ich die Sätze natürlich trotzdem nicht. 😉 Aber für mich war das ein großer Moment.

Deutsch wurde Teil meines Lebens

Das Interessante ist: Irgendwann hatte ich nicht mehr das Gefühl, ständig „Deutsch lernen“ zu müssen.
Ich lernte Deutsch, weil ich etwas verstehen wollte.

  • Weil ich ein Lied mochte.
  • Weil ich einen Film sehen wollte.
  • Weil ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen sprechen wollte.
  • Weil ich einen Witz verstehen wollte.
  • Weil ich mich in Deutschland sicherer fühlen wollte.

Und irgendwann merkte ich, dass ich manchmal sogar auf Deutsch denke. Die deutsche Sprache fühlte sich nicht mehr wie eine fremde Sprache an.
Heute sagen meine Kolleginnen und Kollegen, dass ich gut integriert bin. Wir sind inzwischen Freunde und unternehmen manchmal am Wochenende etwas zusammen.
Ich kann meine alltäglichen Dinge selbstständig erledigen, ohne dabei ständig Angst vor der Sprache zu haben.
Inzwischen wurde auch mein Psychologie-Diplom anerkannt. Ich arbeite ehrenamtlich, suche eine Stelle im psychosozialen Bereich und habe Praktika in Bereichen gemacht, die mich interessieren.
Ich habe heute immer noch viel zu lernen. Meine Integration ist noch nicht fertig. Aber mein Leben fühlt sich heute ganz anders an als am Anfang.
Am Anfang hatte ich oft das Gefühl, dass mein Leben auf Pause steht und ich nur darauf warte, wieder nach Hause gehen zu können.
Heute habe ich das Gefühl, dass ich wirklich hier lebe. Und das macht mich glücklich.

Was ich anderen mitgeben möchte

Diese Geschichte ist für alle, die Angst haben oder noch Zweifel haben.
Vielleicht denkt jemand:

  • „Kann ich mit A2 überhaupt arbeiten?“
  • „Lohnt es sich, hier anzufangen?“
  • „Wie soll ich jemals Deutsch lernen?“
  • „Wie kann ich diese Sprachbarriere überwinden?“

Meine Antwort ist:
Ja. Es ist möglich. Man braucht nicht sofort perfektes Deutsch.
Man braucht Zeit, Geduld, Motivation und ein Ziel.
Und ich glaube, dass ein vielseitiger Weg am besten funktioniert: ein bisschen Grammatik, ein bisschen Unterricht, Gespräche mit anderen Menschen, Musik, Filme, Bücher und vor allem viele echte Situationen im Alltag.

  • Man muss nicht alles auf einmal können.
  • Man muss einfach weitermachen.
  • Und man sollte keine Angst vor Fehlern haben.
  • Fehler gehören zum Lernen dazu.

Wenn jemand Unterstützung beim Deutschlernen braucht, kann er oder sie sich auch gerne an mich wenden (mariia.m[at]mail.de). Ich kann bei Grammatik helfen, gemeinsam üben oder einfach moralisch unterstützen.

Ich wünsche allen, die gerade ihren eigenen Weg in Deutschland gehen, viel Geduld, Mut und Vertrauen in sich selbst.
Manchmal sieht man am Anfang nicht, wie weit man einmal kommen wird.
Aber mit jedem kleinen Schritt wird es ein bisschen leichter.
Danke für eure Aufmerksamkeit und alles Gute für euren eigenen Weg!