Oft gesucht:

Koloniales Erbe
Sønderjylland-Schleswig

Ein gemeinsames Projekt des Flensburger Schifffahrtsmuseums, Museums Sønderjylland - Kulturhistorie Aabenraa und der Schleswigschen Sammlung der Dansk Centralbibliotek Flensborg

 

 

 

Einleitung

Nach vierjähriger Vorbereitungszeit haben das Flensburger Schifffahrtsmuseum, das Museum Sønderjylland - Kulturhistorie Aabenraa und die Schleswigsche Sammlung der Dansk Centralbibliotek Flensborg nun ein gemeinsames Projekt zur Erforschung und Vermittlung des kolonialen Erbes Flensburgs und der Region Sønderjylland-Schleswig begonnen.

Anlass ist der 100. Jahrestag des Verkaufs der Dänisch-Westindischen Inseln samt der dort lebenden Menschen an die USA im Jahre 1917. Die heutigen US Virgin Islands begehen somit im kommenden Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum. Das Flensburger Schifffahrtsmuseum, das Museum Sønderjylland - Kulturhistorie Aabenraa und die Schleswigsche Sammlung der Dansk Centralbibliotek Flensborg nutzen die Gelegenheit des Gedenkjahres, um auf die vielfältigen kolonialen Bezüge in Geschichte und Gegenwart der Region Sønderjylland-Schleswig aufmerksam zu machen. Ziel ist es, der breiten Öffentlichkeit eine neue Perspektive für einen reflektierten, verantwortungsbewussten und zukunftsgerichteten Umgang mit dem eigenen kolonialen Erbe zu eröffnen und das Interesse und den Austausch an und mit Westafrika und den US Virgin Islands zu steigern. Dass eine Region auf die Kolonialgeschichte gleich zweier Nationen verweisen kann, ist in dieser Form einmalig. Dennoch ist dieser wichtige Teil der gemeinsamen transatlantischen Geschichte bis heute kaum im kollektiven Bewusstsein der Menschen in der Region gegenwärtig.

Die Bedeutung des Projekts zeigt sich in der Förderung der Ausstellung „KulturTransfer. Unser gemeinsames Kolonialerbe“ im Programm Fellowship Internationales Museum der Kulturstiftung des Bundes – eine der größten von öffentlicher Hand geförderten Kulturstiftungen Europas. Die großzügige Förderung ermöglicht es dem Flensburger Schifffahrtsmuseum, für 18 Monate die renommierte jamaikanische Kulturwissenschaftlerin Dr. Imani Tafari-Ama als Kuratorin im Projekt zu beschäftigen, um sowohl in der vorbereitenden Forschung als auch in der späteren Ausstellung eine dezidiert afrikanisch-karibische Perspektive auf das gemeinsame koloniale Erbe zu eröffnen.

Die Ergebnisse des Projektes werden 2017 neben der großen Sonderausstellung „KulturTransfer“ in einer Kartierung kolonialer Erinnerungsorte mit begleitender Homepage und Wanderausstellung, einem Medienkoffer für Schulen, einem vielfältigen Begleitprogramm sowie einer umfassenden Anthologie zur Kolonialgeschichte Sønderjylland-Schleswigs erschlossen und präsentiert.

 

Hintergrund

In Flensburg und seinem Umland finden sich vielfältige Spuren kolonialer Geschichte. Flensburg ist im 18. und 19. Jahrhundert durch den Handel mit den dänischen Kolonien in Westindien reich geworden. Die Ziegeleien entlang der Förde produzierten massenhaft Baustoffe für die Inseln. Auch in der Hafenstadt Apenrade war die Entwicklung der Seefahrt eng mit den Möglichkeiten, die der weltweite Kolonialismus bot, verbunden. Die aufwendigen Reisen in die Karibik, nach Afrika und nach Asien wurden zum Wirtschaftsmotor der gesamten Region, von der Seeleute, Kapitäne, Kaufleute, Schiffbauer, Handwerker und Bauern allerorten profitierten. Auch Fabrikanten, Geschäftsleute oder Soldaten, die etwa an den deutschen Kolonialkriegen teilgenommen haben, sind Akteure dieser transatlantischen Beziehungen. Auch wenn die ökonomischen und gesellschaftlichen Effekte dieser wirtschaftlichen Blütezeit bereits in Teilen beschrieben sind und nicht zuletzt bis heute u. a. das Selbstbild der Stadt Flensburg als „Rum-Stadt“ prägen, ist das kolonialgeschichtliche Erbe dieser Zeit trotz zahlreicher Spuren insgesamt bis heute nicht im kollektiven Bewusstsein der Menschen in der Region verankert. Spannend ist in diesem Zusammenhang, dass kolonialer Handel nie eine „Einbahnstraße“ war, sondern bedeutete – trotz des klar definierten hegemonialen Verhältnisses zwischen Kolonialherren und Versklavten – stets auch einen kulturellen Austauschprozess – mit Waren, Wissen, Mentalitäten, Konsumgewohnheiten und Weltsichten.

Ein wichtiges Anliegen des Projektes ist es nun, das regionale Erbe der dänischen und deutschen Kolonialzeiten neu in den Blick zu nehmen, es zum Teil erstmals als solches zu benennen und dabei nicht zuletzt auch die Einflüsse neuerer Forschungsansätze der Post Colonial Studies zu berücksichtigen. Neuere kolonialgeschichtliche und postkoloniale Studien untersuchen im Sinne einer Verflechtungsgeschichte nicht mehr nur allein die Ausprägungen auf die (ent-)kolonialisierten Völker. Sie fragen vermehrt auch nach dem Einfluss auf die Nationen, Gesellschaften und Kulturen der ehemaligen „Mutterländer“ in Europa. Da sich diese Rückwirkungen und Hinterlassenschaften des kolonialen Systems keineswegs nur auf die Metropolen erstrecken, sondern auch auf die Bevölkerung und die Region in den Peripherien der Kolonialstaaten, finden sich zwangsläufig auch Rudimente und Kontinuitäten im Gebiet zwischen Eider und Königsau wieder. Aber auch im größeren Maßstab, nämlich im Dreieck zwischen Europa, Afrika und Amerika prägen die Folgen dieser frühkapitalistischen Globalisierung die transatlantischen Beziehungen.

Die Projektpartner ergreifen die einmalige Chance des Gedenkjahrs 2017, um der breiten Öffentlichkeit dieses bisher kaum beachtete Thema der gemeinsamen afro-karibisch-europäischen Geschichte im deutsch-dänischen Grenzgebiet bekannt zu machen.

Hierfür realisieren die Projektpartner verschiedene Projektbausteine:

 

Projektbausteine

 

Ausstellung „KulturTransfer.

Unser gemeinsames Kolonialerbe“

Flensburger Schifffahrtsmuseum, Mai 2017 bis März 2018.

Die Ausstellung wird von der Gastwissenschaftlerin Dr. Imani Tafari-Ama von der University of the West Indies aus Jamaika kuratiert. Gefördert im Programm Fellowship Internationales Museum der Kulturstiftung des Bundes.

 

Publikation

„Sønderjylland-Schleswig kolonial“

Sammelband mit rund 20 Beiträgen zur Kolonialgeschichte der Region herausgegeben von der Schleswigschen Sammlung der Dansk Centralbibliotek Flensborg, dem Museum Sønderjylland - Kulturhistorie Aabenraa und dem Flensburger Schifffahrtsmuseum. Beiträge u.a. von Erik Gøbel (Rigsarkivet København), Detlev Kraack (TU Berlin) und Lars Jensen (Roskilde Universitet).

 

Kartierung Kolonialer Erinnerungsorte

mit begleitender Homepage und

Wanderausstellung

Es werden 20 Orte, die von dem kolonialen Erbe der Region erzählen, ausgewählt und kartiert. Zur Kartierung wird eine Wanderausstellung erarbeitet, die im Rahmen der Projektlaufzeit an insgesamt 8 Stationen gezeigt wird. Außerdem werden eine Homepage und Informationsflyer erstellt.

 

Medienkoffer

Um die Themenkomplexe Kolonialismus und Globalisierung auch in die Schulen zu tragen, entwickeln das Flensburger Schifffahrtsmuseum und das Museum Sønderjylland - Kulturhistorie Aabenraa einen Medienkoffer, der deutsch- und dänisch-sprachiges Material für Schülerinnen und Schüler ab Stufe 7 bereithält.

 

Programmbroschüre „1917|2017“

Eine übergreifende Programmbroschüre fasst die verschiedenen Veranstaltungen und Aktivitäten zusammen, die im Gedenkjahr 2017 in der Region stattfinden werden.

 

 

Die Ausstellung „KulturTransfer“ wird gefördert im Programm Fellowship Internationales Museum der Kulturstiftung des Bundes. 

 

Das Projekt „Koloniales Erbe“ wird finanziert von KursKultur mit Unterstützung der Partner der Region Sønderjylland-Schleswig, des dänischen Kulturministeriums und des Ministeriums für Justiz, Kultur und Europa des Landes Schleswig-Holstein. Dieses Projekt wird gefördert mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.